138 Wohneinheiten sollen in Rulle entstehen – doch können diese auch verkauft werden? Dies bezweifelt eine Bürgerinitiative von Anwohnern und macht das Baugebiet an den Helmichsteinen zum Wahlkampfthema. Was sagen die BürgermeisterkandidatInnen dazu und was sind ihre Argumente? Wir haben nachgefragt.
Die Argumente der Initiative:
Eines der wichtigsten Argumente ist die Innenraumentwicklung. Die Initiative verweist dabei auf das Baugesetzbuch, das seit 2013 vorsieht, dass eine Gemeinde landwirtschaftlich genutzte oder naturbelassene Flächen im Außenbereich nicht versiegeln darf, wenn sie über ausreichende Flächen im Innenbereich verfügt. “Die Gemeinde ignoriert leider bewusst diese gesetzliche Vorgabe und hat auch bisher eine rechtliche Prüfung vor einem Beschluss des Gemeinderates abgelehnt. Genau das fordern wir ein”, sagt Stefan Wimmer von der Bürgerinitiative. Er schätzt, dass die Gemeinde ein Normenkontrollverfahren beim Oberverwaltungsgericht Lüneburg gegen das Baugebiet Helmichsteine verlieren würde, da sie mit über sehr viele Flächen im Innenbereich der Gemeinde verfügt. Die Bürgerinitiative spricht laut Neue Osnabrücker Zeitung von über 100 leerstehenden Einfamilienhäusern und schleppender Vermarktung aktueller Baugebiete. (Von derzeit 93 Bauplätzen sind laut Gemeinde 24 reserviert und 10 frei.) Da auch in Nachbargemeinden Baugebiete leer ständen und mit Hinblick auf die Klimaziele und Flächenverdichtung, nennt die Initiative die Pläne „aus der Zeit gefallen“.
Des Weiteren seien die Helmichsteine ein sozialer Treffpunkt aller Generationen. Ein Neubaugebiet würde dieses Erholungsgebiet gefährden. 689 Unterschriften hatte die Initiative kürzlich beim Rathaus eingereicht, die einen dreiseitigen Antrag zu Änderungen der Bauplanung unterstützen.
Das sagen die KandidatInnen:
Umgang mit der Bürgerinitiative
Alle KandidatInnen betonen, dass sie die Anliegen der Initiative ernst nehmen wollen und sich damit auseinandersetzen. Die Anmerkungen der Anwohner sollen bei der Entscheidungsfindung mit berücksichtigt werden. Christian Böwer (SPD) verweist darauf, dass ein Gespräch mit der Initiative noch aussteht. Birgit Schad (unabhängig) unterstützt die Initiative uneingeschränkt, hofft aber dennoch auf eine Lösungen, die weitestgehend beide Parteien akzeptieren können. Lisa Böge (Die Linke) unterstützt die Initiative und lehnt das Baugebiet ab.
Argument „demografischer Wandel“
Unstrittig ist: Ohne Gegenmaßnahmen wird Rulle schrumpfen. Laut Wohnbedarfsanalyse sind es bis 2040 knapp über 13 Prozent. Damit ist der Ortsteil in der Gemeinde am stärksten betroffen. Deshalb sei eine einfache Nachverdichtung nicht ausreichend – argumentieren Michael Lührmann (CDW, unterstützt von der CDU) und Markus Steinkamp (FDP). Sie sehen genau wie Böwer die Infrastruktur wie Nahversorger und Busverbindungen und die Auslastung von Kitas und Schulen gefährdet. Lührmann: „Eine reine Nachverdichtung im Bestand reicht derzeit nicht aus, um den dringenden Bedarf an zeitgemäßem, altersgerechtem und familiengerechtem Wohnraum zu decken.“ Marion Müssen (unabhängig) bringt in diesem Zusammenhang den Finanzausgleich ins Spiel: „Für jedes Gemeindemitglied wird ein Betrag von rund 600 € pro Jahr berechnet. Bei knapp 23.000 Einwohnern liegt der Finanzausgleich bei etwa 14 Mio. Euro. Das ist eine stattliche Summe, auf die wir nicht verzichten können.“ Jeder Rückgang der Einwohnerzahl mindere den finanziellen Spielraum.
Doch ist dieser Wandel überhaupt aufzuhalten? Alexander Strehl (unabhängig, unterstützt von den Grünen): „Es stellt sich die Frage, ob Wallenhorst in Zukunft tatsächlich nennenswert wachsen wird – oder ob wir vielmehr vor der Herausforderung stehen, älter zu werden, ohne deutlich mehr EinwohnerInnen zu gewinnen.“ Er setze deshalb stärker auf die Vermittlung und Aktivierung von Bestandsimmobilien.
Argument „Nachfrage / Standort“
„Gerade Wallenhorst, gerade Rulle und gerade der Bereich am Stadtweg/Im Esch ist sehr gut geeignet für ein Baugebiet, um Rulle zu entwickeln und zu beleben. So nah an der Stadt Osnabrück, die ihren Bedarf an neuen Wohnbauten auf eigenem Gebiet nicht decken kann, ist die Nachfrage entsprechend hoch“, ordnet Steinkamp die Attraktivität des geplanten Baugebiets ein. Auch Lührmann sagt, man müsse den „dringenden Wohnraumbedarf“ bedienen und mit den „behördlichen und ökologischen Bedenken“ in Einklang zu bringen. Böwer berichtet ebenfalls von vielen Menschen, die in Rulle bleiben oder nach Rulle ziehen möchten, aber kaum passende Angebote fänden.
Auch hier bewertet Strehl die Lage anders. Er nennt den Vorschlag „uninspiriert“. Die Argumentation, dass die Entwicklung des Baugebiets an den Helmichsteinen alternativlos sei, weil andere Flächen derzeit nicht verfügbar oder schwieriger zu entwickeln seien, lässt er nicht gelten: „Aus meiner Sicht muss die grundsätzliche Frage erlaubt sein, ob ein derart sensibler Standort tatsächlich zwingend der richtige Ort für diese Entwicklung ist oder ob nicht zunächst ernsthaft weitere Alternativen geprüft werden müssen.“ Auch Lisa Böge zweifelt daran, dass die Grundstücke überhaupt verkauft werden können: “Die Kosten für Grundstücke, Bauvorhaben und Wohnen steigen seit Jahren und eine Besserung ist nicht zu erwarten. Ich frage mich daher, wer sich die dort geplanten Eigenheime überhaupt leisten können soll.” Aus ihrer Sicht braucht es lieber auf der Grünen Wiese sozialen und bezahlbaren Wohnraum statt eines Hotels.
Argument „Einnahmen“
Ein Verkauf von Flächen, die der Gemeinde gehören, versprechen zusätzliche Einnahmen. Und Geld können die leeren Gemeindekassen gut gebrauchen. So verspricht sich Lührmann „erhebliche wirtschaftliche Effekte“ für Wallenhorst. Steinkamp spricht sogar konkret von „jährlichen Effekten von mehreren hunderttausend Euro“. „Die Erlöse aus dem Verkauf der Grundstücke sparen zukünftige Zinsen. Hinzu kommen künftige Grundsteuereinnahmen und Schlüsselzuweisungen für neue oder nicht verlorene Einwohnerinnen und Einwohner“, so der Politiker. Auch Böwer sieht die Chance, dass die Einnahmen “zur Stabilisierung des Gemeindehaushalts beitragen und den Bedarf an zusätzlichen Krediten reduzieren.” Darum solle das Projekt verantwortungsvoll und mit Augenmaß weiterverfolgt werden.
Strehl ist da vorsichtiger, da er derzeit nur Annahmen treffen könnte: „Ich erachte die Erschließung und die damit verbundenen Kosten aufgrund der leicht abgelegenen Lage des Baugebietes als erläuterungsbedürftig. Es bleibt die Frage, ob dieser Aufwand bei dem Baugebiet “Helmichsteine” auch den gewünschten Nutzen für den Gemeindehaushalt bringen würde.“ Böge bringt bezüglich Einnahmen die Grundsteuer C ins Spiel. Damit könnten baureife Grundstücke von der Gemeinde höher belastet werden, was neben mehr Einnahmen auch die Spekulationen mit Grundstücken eindämmen soll. (Erklärung Grundsteuer C gibt es hier)
Argument „Ökologie / Klimawandel“
„Die Wertigkeit bienenfreundlicher Gärten und die ausgedehnte Heckenbepflanzung im Baugebiet wiegt für mich schwerer als ein Maisacker“, bewertet Marion Müssen den Umgang mit der Fläche. Sie verweist auf andere erfolgreiche Maßnahmen im Rahmen von Baugebieten: „Die Anforderungen an ein Baugebiet südlich der Straße „Im Esch“ und östlich der Helmichsteine dürften noch höher liegen und zu einem Leuchtturm-Projekt in der Gemeinde werden“, so Müssen weiter. Auch Steinkamp sieht wenige und vor allem lösbare Probleme: „Die Fläche hat einen Wert in der Produktion von Futter- und Lebensmitteln, aber diese Konkurrenz besteht bei jedem Bauvorhaben. Die bestehende Bodenstruktur bringt bereits heute Einschränkungen bei der Versickerung mit sich. Deshalb sind Maßnahmen zur Regenrückhaltung und Begrünung wie Hecken, Gärten und Gründächer als ökologische Ausgleichsmaßnahmen vorgesehen.“
Anders schätzt dies Birgit Schad ein: “Im Hinblick auf Natur- und Umweltschutz würde mit der Bebauung ein weiterer Verlust von Lebensräumen für Tiere und Pflanzen, eine Verringerung der Artenvielfalt durch großflächige Versiegelung sowie Einschränkungen von Spazierwegen und Naherholung allgemein einhergehen.” Auch Böge findet es richtig, dass die Bürgerinitiative fragt, warum die im Baugesetzbuch verankerten Grundsätze zum Schutz von Freiflächen und zum sparsamen Umgang mit Boden von der Gemeinde nicht konsequenter berücksichtigt werden. “Gerade unter dem Aspekt der Flächenversiegelung halte ich das Vorgehen der Gemeinde für sehr fragwürdig. In der Schaukommission vom 28.04.2026 wurden die Probleme bestehender Versiegelung bereits benannt. Felder leiden unter Vernässung, Entwässerungssysteme stoßen an ihre Grenzen und zusätzliche Rückhalteflächen werden notwendig. Das ist bereits heute Realität”, so die Bürgermeisterkandidatin der Linken.
Text: Markus Noldes / Foto: Steinkamp/FDP



