Wenn Jan Dittmann Überstunden abbaut, macht er das auf einem Schiff. Aber nicht auf Kreuzfahrtschiffen von AIDA, MSI und Co, sondern auf einem Hospitalschiff der Mercy Ships Flotte. Auf diesen hochmodernen, schwimmenden Krankenhäusern verändert der Facharzt für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie aus Rulle das Leben vieler Menschen – auch am Geburtstag seines Sohnes.
Als Leitender Oberarzt am Klinikum sammelt sich schnell die ein oder andere Überstunde an. Doch während andere dringendErholung vom Job brauchen, wechselt Dittmann regelmäßig den Osnabrücker Arbeitsplatz gegen zwei Wochen Dauereinsatz auf einem der modernsten Krankenhausschiffe der Welt. “Mein ehemaliger Chef erzählte mir von der Organisation Mercy Ships. Diese liegen etwa zehn Monate in Häfen afrikanischer Städte und ermöglichen den Menschen kostenlos lebenswichtige OPs. (Anm. der Redaktion: Die Kosten für die OPs werden durch Spendengelder finanziert) Die Idee hat mich sofort begeistert, da man unter gleichen Standards wie bei uns helfen kann”, erzählt der 45-Jährige.

Doch einfach mitmachen, das gehe laut Dittmann nicht. Mindestens zwei Jahre müsse man als Facharzt tätig sein, dann einen mehrstufigen Bewerbungsprozess durchlaufen und auch noch Fürsprecher finden. Denn auf diesen Schiffen kommen nur Profis aus der ganzen Welt zum Einsatz. Dittmann war bereits vier Mal dabei – einmal Dakkar, drei Mal Freetown. Gerade ist er zurück von seinem jüngsten Einsatz. Der sei inzwischen Routine geworden, erzählt er. Denn viel mehr außer seiner Patienten und den OP-Saal sieht er nicht. “Eine Mission dauert in der Regel 14 Tage. Ein Tag steht dabei für ein Ausflug bereit. Ansonsten geht es abends vielleicht mal essen”, berichtet er. Danach sei er richtig kaputt.
“Da geht es um Existenzängste”
Die Operationen werden bereits ein Jahr im voraus geplant und sind entsprechend durchgetaktet. Auf dem Deck von Dittmann geht es dabei vor allem um gutartige Gesichtstumore, Kiefer-Gaumenspalten und Fehlbildungen. Dittmann: “Tumore dieser Größe haben wir in Europa nicht. Aber in vielen Regionen gibt es zu wenige Ärzte oder das passende Wissen. Die Konsequenzen für die Patienten sind meist nicht nur gesundheitliche Einschränkungen, sondern sie werden auch verstoßen. Da geht es dann um Existenzängste.”
Doch statt ängstliche Patienten, begegnet Dittmann immer wieder die pure Lebensfreude. “Da war ein 17-Jähriger, mit einem grotesk großem Tumor, der kaum atmen konnte. Der war jeden Tag so voller Freude, das hat mir imponiert. Sowieso wird viel getanzt und gelacht, trotz schwerer Schicksale”, sagt der Ruller. Entsprechend ordnet Dittmann auch sein Wirken vor Ort ein: “Ich rette hier bestimmt nicht die Welt, aber einzelne Leben.”
Der nächste Einsatz führt nach Togo oder Ghana
Wenn man ihn fragt, was er selbst von diesen Missionen mitnimmt, gerät er ins Schwärmen von der Stimmung an Bord. Es dauere zwar ein bis zwei Tage, aber dann sei aus einer bunt zusammengewürfelten Truppe von Experten ein eingespieltes Team geworden. “Dieser hohe grad an Motivation, Freiwilligkeit und Expertise – das erfüllt mich einfach menschlich und fachlich.”
Der nächste Trip für 2027 ist bereits in Planung. Togo oder Ghana könnten es im Frühjahr werden. Dann müssen seine drei jungen Kinder und seine Frau auf ihn verzichten – aber die stehen voll hinter dem 45-Jährigen. “Einer meiner Einsätze war während des Geburtstages meines ältesten Sohnes. Ich habe ihn nach seiner Meinung gefragt und er sagte: ‘Fahr hin!'”
Internationale Spitzenkräfte und modernste Räumlichkeiten: Jan Dittmann schwärmt vom Spirit am Bord der Mercy Ships. Fotos: privat
Text: Markus Noldes / Fotos: Mercy Ships (2) & privat (6)







