Ich stehe an einem Punkt, an dem ich mir eine Frage stellen muss, die viele Frauen und auch sicher jede:r andere Politiker:in irgendwann leise mit sich selbst ausmacht: Trete ich noch einmal an? Klara Essomba, Ratsmitglied in Wallenhorst, mit einem persönlichen Statement.
Nicht, weil mir die Inhalte egal geworden wären. Ganz im Gegenteil. Die Werte, für die ich stehe, die Stimme, die ich in der Politik habe, die Themen, für die ich kämpfe – all das ist mir nach wie vor unglaublich wichtig. Und doch merke ich immer deutlicher: Mir persönlich gibt die politische Arbeit in dieser Form kaum noch etwas zurück.
Dieser Text ist kein Abschied von der Politik und schon gar kein Verlust an Überzeugung. Er ist der Versuch, ehrlich über einen inneren Zwiespalt zu sprechen, den vor allem Mütter und sicher auch mancher Vater kennen – auch wenn sie selten die Zeit haben, ihn öffentlich zu formulieren.
Politik braucht Zeit – und davon haben vor allem Mütter zu wenig

Politik lebt von Sitzungen am Abend, von Wochenenden, von Vorbereitung, Lesen, Austausch und Präsenz. Sie lebt von Zeit. Zeit, die Mütter, erst recht berufstätige, häufig nicht haben. Oder nur auf Kosten von etwas anderem: Schlaf, Erholung, Beziehung, Gesundheit.
Immer wieder versuche ich, Mütter zu motivieren, sich politisch einzubringen. Ich spreche sie an, ermutige, erkläre, wie wichtig ihre Perspektiven wären. Und doch höre ich immer wieder dieselben Gründe, warum sie es nicht tun – und ich kann sie so gut nachvollziehen: die fehlende Zeit, das Gefühl, ohnehin nichts bewirken zu können, die Überzeugung, keine kognitiven Kapazitäten mehr übrig zu haben, wenn der Alltag bereits alles fordert.
Diese Gründe sind keine Ausreden. Sie sind Ausdruck einer Realität, in der viele Frauen und vielleicht auch einzelne Väter permanent am Limit leben.
Die unsichtbare Last bleibt weiblich
Ein großer Teil dieser Belastung bleibt unsichtbar. Der Mental Load – das ständige Mitdenken, Vorausplanen, Erinnern, Organisieren, Abwägen – liegt noch immer überwiegend bei Frauen. Selbst in Partnerschaften, die sich als modern und gleichberechtigt verstehen.
Ich habe das Gefühl, auch aufgeklärte, empathische Männer können diese Dauerbelastung oft nicht wirklich nachvollziehen. Nicht aus bösem Willen, sondern weil sie sie nicht selbst tragen. Die emotionale Arbeit, die Sorgearbeit, die unbezahlte Arbeit im Haushalt – Putzen, Waschen, Kochen, Einkaufen, Gartenarbeit, Pflege, Organisation – sie läuft im Hintergrund. Sie wird erwartet. Und sie wird selten politisch mitgedacht.
Ein strukturelles Problem – selbst dort, wo Chancen bestehen
Bei den Grünen haben Frauen durch das Frauenstatut strukturell gute Chancen. Das ist ein großer Fortschritt und ein wichtiges Instrument. Und dennoch stehen selbst wir immer wieder vor dem gleichen Problem: Wir finden nicht genug Frauen, die bereit sind zu kandidieren.
Nicht, weil sie nicht qualifiziert wären. Nicht, weil sie keine Haltung hätten. Sondern weil die politischen Strukturen mit ihren Lebensrealitäten kollidieren. Gerade junge Mütter, deren Perspektiven wir so dringend brauchen würden, können oder wollen diesen zusätzlichen Kraftakt oft nicht leisten.
Mein persönlicher Konflikt
All das führt mich in einen inneren Zwiespalt. Auf der einen Seite das Wissen, dass Frauenstimmen – insbesondere die von Müttern – in der Politik fehlen. Auf der anderen Seite die ehrliche Erkenntnis: Meine Zeit und meine Kraft sind begrenzt. Ich habe keine Ambitionen, über die kommunale Politik hinauszugehen, und ich sehe meine Stärken zunehmend in anderen Bereichen. Beruflich möchte ich noch etwas erreichen, Wirkung entfalten, ohne mich dauerhaft zu überfordern.
Deshalb denke ich nicht über ein abruptes Aufgeben nach, sondern über das bewusste Nicht-wieder-Antreten. Darüber, Platz zu machen. Einen Listenplatz jungen Müttern zu überlassen – Frauen, die vielleicht gerade an einem anderen Punkt stehen, andere Energie mitbringen oder neue Perspektiven einbringen wollen.
Platzmachen ist auch politisch
Ein solcher Schritt wäre für mich kein Scheitern. Er wäre eine ehrliche Entscheidung in einem System, das noch immer zu sehr auf Menschen ohne Care-Verantwortung zugeschnitten ist. Solange sich daran nichts ändert, bleibt politische Teilhabe für viele Frauen ein doppelter Kraftakt – und für manche ein Preis, den sie nicht (dauerhaft) zahlen können oder wollen.
Die eigentliche Frage ist deshalb nicht nur, ob ich noch einmal antrete oder nicht. Die wichtigere Frage ist: Wann schaffen wir politische Strukturen, in denen Mütter (und andere unsichtbare Care-Arbeiter:innen) sich einbringen können, ohne sich selbst dabei zu verlieren? In denen Engagement nicht zusätzliche Erschöpfung bedeutet, sondern echte Teilhabe ermöglicht.
Klara Essomba, Ratsmitglied
Foto: Klara Essomba



